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WCH Schlagzeilen

Das Märchen ist zu Ende

Durch eine klasse Defensivvorstellung brachte Team Europa den Favoriten Kanada an den Rande einer Niederlage

von Bernd Rösch / NHL.com/de Chefautor

Es war einmal eine Mannschaft mit der niemand gerechnet hatte und die das Air Canada Centre in Toronto zum Verstummen brachte. Die eishockeyverrückten kanadischen Fans fragten sich, was das für ein Team sei in Blau-Türkis, das es wagt ihren Helden mit dem Ahornblatt auf der Brust einen Zacken aus der Krone zu schießen. Dass ein Außenseiter in das Finale des World Cup of Hockey einzieht, konnten sie noch akzeptieren, doch dass dieser es auch noch wagt ihr geliebtes Team Canada zu bezwingen, das war dann doch eine Nummer zu viel.

Das Märchen endete anders: Der Champion des World Cup of Hockey 2016 heißt Team Canada. Die Olympiasieger von 2010 und 2014 bezwangen am Donnerstagabend in einer furiosen Schlussphase des zweiten Finalspiels ein überragendes Team Europa, das über weite Strecken der Partie über sich hinausgewachsen war, mit 2-1 Toren. Patrice Bergeron und Brad Marchand trafen mitten ins Herz der aufopferungsvoll kämpfenden Mannschaft von Ralph Krueger. Über 57 Minuten lang konnte die Europaauswahl ihren Kasten sauber halten und brachte den Favoriten an den Rand einer Niederlage.

Team Europa präsentierte sich von der unglücklichen 1-3 Niederlage im ersten Finalspiel am Dienstag erholt und hatte wie angekündigt seine Lektion gelernt. Es waren vor allem ihre Defensivkräfte, die das Spiel bestimmten und sie lange Zeit auf ein drittes, alles entscheidende Finale am Samstag hoffen ließen. Heißt es nicht immer, dass die Defensive Meisterschaften gewinnt?

Die kanadischen Gastgeber machten in den ersten Spielminuten kräftig Druck, doch die Mannen um Teamkapitän Anze Kopitar konnten diesem scheinbar mühelos Stand halten. Mühelos war es keineswegs. Mit enormen Willen und Einsatzkraft stemmten sich die für das heutige Spiel nominierten 20 Spieler aus acht Nationen nicht nur gegen ein frühes Gegentor, sondern setzten nach knapp 6 1/2 Minuten sogar einen Akzent nach vorne, der Einfluss auf den gesamten Spielverlauf haben sollte.

Mit Zdeno Chara war es ausgerechnet ein Verteidiger der das 1-0 besorgte, indem er aus Höhe des linken Bullykreises abzog und mit seinem wuchtigen Schuss dem kanadischen Schlussmann Carey Price keine Abwehrchance ließ. Es war das erste von vielen Ausrufezeichen, die die Defensivabteilung von Team Europa in den noch folgenden gut 50 Minuten setzen konnte. Dennis Seidenberg, Mark Streit, Andrej Sekera & Co. nahmen keine Rücksicht auf ihre Gesundheit und warfen sich in die Schüsse des Gegners. Auch die erste Sturmreihe der Kanadier mit Sidney Crosby, Patrice Bergeron und Brad Marchand hatten sie gut im Griff. Sie gaben ihnen keine Zeit und keinen Raum zum Wirbeln. Kam dann doch einmal ein Puck auf das Gehäuse, dann stand im Kasten von Team Europa der Slowake Jaroslav Halak wie ein Fels in der Brandung.

Die Defensivkräfte von Team Europa stemmten sich aber nicht nur mit aller Macht gegen ein Gegentor, sondern setzten auch im Spiel nach vorne Akzente. Der deutsche Verteidiger Christian Ehrhoff suchte von der blauen Linie den Abschluss wann es nur ging. Drei seiner Schüsse gingen aufs Tor von Price und drei weitere wurden noch geblockt.

Kopitar trauerte anschließend den vergebenen Chancen nach: "Wir haben sehr gut gespielt und hatten auch die Gelegenheit auf 2-0 zu erhöhen. Das ist uns nicht geglückt und so ist halt Eishockey. Ich bin aber ganz stolz auf diese Mannschaft, wie sie sich zusammengefunden hat und ich werde immer wieder dankend darauf zurückblicken."

Die Moral der multinationalen Truppe blieb selbst nach dem späten Ausgleichstreffer, bei dem Kopitar auf der Strafbank saß, intakt und sie hatten auch das Siegtor auf dem Schläger. Drew Doughty heimste sich 90 Sekunden vor dem Ende der regulären Spielzeit eine Strafe wegen hohen Stocks gegen Tobias Rieder ein, Team Europa, das in diesem Turnier noch kein Überzahltor erzielen konnte, setzte sich im Drittel der Ahornblätter fest und Roman Josi hätte zum Held des Abends werden können - doch sein Schuss landete nur am rechten Pfosten und das letzte Kapitel eines Märchens über eine Siegermannschaft, die es in dieser Konstellation vermutlich nicht mehr wiedergeben wird, war zu Ende geschrieben.

 

Ein sichtlich enttäuschter Streit beschrieb seine Gefühlssituation, was dieses Team Europa ausgemacht und so stark gemacht hat: "Es ist schwer zu verstehen, was in den letzten Minuten passiert ist. Wir haben ein unglaubliches Spiel abgeliefert, wenn wir hier ausgeglichen hätten [die Serie], wer weiß was in einem Spiel 3 passiert wäre. Es ist eine bittere Niederlage, da fällt es einem schwer die richtigen Worte zu finden. Wir haben so viele Leute und Mannschaften überrascht. Wir hatten so viel Spaß. Die Atmosphäre in der Kabine, mit den Spielern, dem Trainerstab war überragend. Das war eine großartige Erfahrung."

Einen Eintrag in die Eishockeygeschichtsbücher hat sich nicht nur Team Canada als Sieger des World Cup of Hockey 2016 verdient, sondern auch mit Team Europa eine Mannschaft, von der wenig erwartet wurde, die aber viel geleistet und eine Menge Eishockeyfans auf dem alten Kontinent begeistert hat.

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