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WCH Schlagzeilen

Team Europa ist eine Erfolgsgeschichte

Wie wurde es möglich, dass Team Europa nun im Finale des World Cup of Hockey steht

von Bernd Rösch / NHL.com/de Chefautor

Wenn die gesamte Bank über die Bande aufs Eis springt, wenn eine Traube von Männern auf Schlittschuhen im Kreis hüpft, wenn sich auf der Tribüne honorige Männer, darunter ein Franz Reindl und Miroslav Satan, um den Hals fallen und sich umarmen, dann muss etwas ganz Außergewöhnliches passiert sein.

Am Sonntagnachmittag standen sich im Air Canada Centre von Toronto Team Schweden und Team Europa gegenüber, um im zweiten Halbfinale des World Cup of Hockey 2016 den Finalgegner von Team Canada zu ermitteln. In der Sportberichterstattung wird heutzutage sehr inflationär mit dem Begriff Sensation umgegangen. In Bezug auf den 3-2 Overtimesieg der europäischen Auswahl und dem damit einhergehenden Einzug in das Best-of-3 Finale hat er seine Berechtigung. In der Nacht von Dienstag auf Mittwoch werden Team Canada und Team Europa die erste Finalpartie des World Cup bestreiten.

So richtig erklären lässt es sich nicht, wie es möglich wurde, dass sechs Slowaken, sechs Deutsche, vier Schweizer, drei Dänen, ein Franzose, ein Norweger, ein Österreicher und ein Slowene diese Sensation geschafft haben.

Die Vorgabe an die Spieler von Team Europa für das zweite Halbfinale war klar gewesen und wurde auch sofort ersichtlich: Hinten soll möglichst lange die Null stehen und vorne müssen dann schnell vorgetragene Konter zum Erfolg führen. Dass dieses Konzept gegen den zweifachen Olympiasieger und neunfachen Weltmeister keine leichte Aufgabe werden würde, war allen Beteiligten von Anfang an klar gewesen. Schließlich haben die Skandinavier mit Henrik Lundqvist einen Schlussmann im Kasten stehen, der in der Vorrunde bei seinem Shutout gegen Team Finnland bewiesen hat, dass er sich in guter Form befindet. Auch Team Russland hat im ersten Vorrundenspiel am eigenen Leib zu spüren bekommen, wie eiskalt Schweden eine Führung verwalten kann, wenn man einmal von der Schlussminute absieht, in der sie arg in Bedrängnis geraten waren und den Osteuropäern fast noch der Ausgleich geglückt wäre.

Wieviel man mit Disziplin, Einsatzwillen und mutiger Spielweise erreichen kann, hatte Ralph Kruegers Mannschaft schon bei ihren Siegen über Team USA und Team Tschechien gezeigt, durch die sie sich bei diesem Turnier der Besten in das Halbfinale geschossen hatten. Immer wieder wurde in den vergangenen Tagen von den Spielern sowie dem Trainer erwähnt und von den Medien thematisiert, wie schnell aus einer multinationalen Gruppe von Athleten, die aus acht Ländern stammen, eine Einheit wurde. Der Eishockeysport kennt eben keine Grenzen.

Video: EUR@SWE: Tatar erzielt das Siegtor in Verlängerung

Kurz nachdem der slowakische Stürmer Tomas Tartar nach 3:43 Minuten in der Verlängerung das 3-2 Siegtor markiert hatte, versuchte sich Assistenzkapitän Zdeno Chara an einer Erklärung für den Erfolg: "Wir haben immer daran geglaubt, dass wir etwas erreichen können und wir haben das gesamte Turnier über nur von Spiel zu Spiel gedacht. Wir wussten von Anfang an, dass wir stark sind."

So stark, dass sie sogar nach dem Führungstor der abgeklärt wirkenden Tre Kronor noch im Mitteldrittel wieder zurückkamen. Unmittelbar nach der zweiten Pause, es waren gerade einmal zwölf Sekunden nach dem gewonnenen Bully gespielt, schoss Tatar als Endabnehmer eines Spielzugs, der wohl so besprochen wurde, in Front. Es war das erste Turniertor des 25-Jährigen.

"Ich schaue eigentlich nicht darauf, ob ich ein wichtiges Tor geschossen habe. Es ist eines dieser Tore, das ich gerne mit der gesamten Truppe feiere. Es ist ein hartes Turnier mit vielen guten Spielern. Heute hatte ich das Schussglück und der Puck landete zweimal im Netz."

Glück kann man aber auch erzwingen. Team Europa hat in seinen bisherigen vier Auftritten zehn Treffer von sieben verschiedenen Torschützen verbuchen können. An diesen Toren waren insgesamt 15 Spieler beteiligt. Ist es auch diese Unberechenbarkeit die Kruegers Team auszeichnet? 

Ihr punktbester Scorer ist mit einem Tor und drei Assists der Norweger Mats Zuccarello. Er erwähnte nach dem Finaleinzug noch einmal, dass es ihm richtig Spaß macht in dieser Mannschaft zu spielen, in der es nicht nur einen Star gibt, sondern in der jeder Spieler enorm wichtig sei.

Verteidiger Andrej Sekera, der Vorlagengeber zum 2-1 Führungstor schlug in eine ähnliche Kerbe: "Bei uns stimmt die Chemie und wir spielen ein einfaches Spiel. Die Atmosphäre in der Kabine ist riesig." Sekera vergaß aber auch nicht die Arbeit des Trainers hervorzuheben: "Er ist ein großer Redner und er schafft es uns damit zu motivieren."

So richtig verstehen können diese Erfolgsgeschichte des Team Europas nur wenig Außenstehende, vielleicht liegt es auch daran, dass die Mannschaft am wenigsten Druck verspürte, wie es Tatar betonte: "Das ist einfach unglaublich, besonders da es uns niemand zugetraut hat. Wir schreiben diese großartige Geschichte weiter. Wir wissen, wie schwer es gegen Kanada wird, doch wir sind glücklich, dass wir so weit gekommen sind und genießen es."

Das erste Finalspiel findet am Dienstag um 8:00 p.m. ET (ESPN), Mi. 2:00 Uhr MESZ, statt und wird in Deutschland live auf Sport1 übertragen

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