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WCH Schlagzeilen

Die Eishockeywelt auf den Kopf stellen

Vor dem Finale gegen Team Canada gilt es für Team Europa Schwächen des Gegners zu finden

von Bernd Rösch / NHL.com/de Chefautor

Auch 24 Stunden nach dem nicht für möglich gehaltenen 3-2 OT-Sieg von Team Europa über Team Schweden und dem damit einhergehenden Einzug in das Finale des World Cup of Hockey 2016, reibt man sich noch verwundert die Augen. Eine Mannschaft ohne gemeinsame Vergangenheit und ohne gemeinsame Zukunft hat bei diesem Turnier, bei dem die besten Eishockeyspieler aus den stärksten Eishockeynationen gegeneinander antreten, das Endspiel erreicht.

In einer Zeit, in der die Gefahr besteht, dass Europa wieder auseinanderbricht, in der nationale Interessen eine immer größere Rolle gegenüber dem Gemeinschaftsnutzen spielen, führen uns 23 Individualisten aus acht Ländern vor, was man alles erreichen kann, wenn man an einem Strang zieht, um geschlossen ein Ziel zu erreichen.

Was wurde vor über einem Jahr nicht alles diskutiert, als die NHL bekanntgab, dass am World Cup eine Mannschaft, genannt Team Europa, zusammengesetzt aus Spielern kleinerer Eishockeynationen, teilnehmen wird? Es wurde für unmöglich gehalten, dass das funktionieren könnte. Es wurde sogar, durch die Teilnahme von Team Europa (und von Team Nordamerika), der sportliche Wert dieser Veranstaltung in Frage gestellt.

Von einem Zweifel, ob dieses Unterfangen aufgehen könnte, und von einem Bedauern, dass nicht die eigene Nationalmannschaft am World Cup teilnehmen darf, ist in der Kabine von Team Europa nichts zu hören und zu sehen. Rundum strahlende Sieger beschreiben unisono, was für eine tolle Sache dieser World Cup ist und wieviel Spaß es ihnen bereitet aktiv dabei sein zu dürfen.

Hinter diesem Erfolg steckt aber auch eine Menge Arbeit. Team Europa hatte es schon in der Vorbereitung ungleich schwerer, als seine Konkurrenten. Hinter diesem Team steht kein nationaler Eishockeyverband dessen Strukturen genutzt werden können.

Der Teampräsident Franz Reindl, der Teammanager Miroslav Satan und Headcoach Ralph Krueger mussten nahezu bei null beginnen, um ein perfektes Umfeld für die Spieler zu schaffen, damit sie Höchstleistungen abrufen können. Man braucht einen Teamarzt, Therapeuten, Masseur und Zeugwart. Scouts müssen im Vorfeld Spieler sichten, die zusammenpassen könnten und Krueger wählte letztendlich daraus seine Kandidaten für das Unterfangen World Cup aus.

Vielleicht ist es auch die internationale Vita des Trainers, die ihn für eine solche Aufgabe besonders prädestiniert. Der Sohn deutscher Eltern, die nach Kanada ausgewandert waren, wurde in Winnipeg geboren und wuchs in Kanada auf. Im Alter von 20 Jahren zog es ihn nach Deutschland und er ging in der Eishockey-Bundesliga auf Torjagd. Seine Trainerkarriere startete er in Duisburg, anschließend folgten Stationen in Österreich beim VEU Feldkirch und in der Schweiz als Nationaltrainer. Bei den Edmonton Oilers wurde er zum ersten NHL-Trainer mit deutschem Pass ernannt und schließlich beriet Krueger Team Canada in der Vorbereitung auf die olympischen Spiele in Sotschi 2014, wo die Ahornblätter Gold gewannen.

Der Deutsch-Kanadier kennt nicht nur die europäische Eishockeyszene ganz genau, sondern auch die kanadische Nationalmannschaft in- und auswendig, und er hat ein freundschaftliches Verhältnis zu Mike Babcock, dem Coach des Finalgegners. Reicht sein Insiderwissen aus um die gesamte Eishockeywelt auf den Kopf zu stellen?

Krueger bleibt nach den Erfolgen Realist, geht die nächste Aufgabe aber auch selbstbewusst an: "Wir haben eine Chance. Wir werden versuchen ihre [Team Canada] Schwächen zu finden. Wir haben [in der Vorrunde] gegen Kanada nicht unser bestes Spiel gezeigt [1-4 Niederlage]."

"Harte Arbeit" ist das Rezept für eine weitere Sensation. "Talent und Fertigkeiten genügen nicht, wenn der Gegner mehr arbeitet. Darum müssen wir kämpfen und alles geben."

Zwei Szenen aus dem Spiel gegen Team Schweden, sind da exemplarisch und besonders in Erinnerung geblieben. Szene 1: Bei eigenem Überzahlspiel brach Roman Josi der Schläger im Angriffsdrittel. Während der Schweizer Verteidiger zur Bank eilte, um sich ein neues Arbeitsgerät zu besorgen, leitete Team Schweden einen Gegenangriff ein, Josi spurtete von der Bande quer übers Eis zurück und schnappte sich den Puck noch vor dem schwedischen Angreifer. Szene 2: Minuten vor dem Ende der regulären Spielzeit ließ sich Dennis Seidenberg die Scheibe von Henrik Sedin abluchsen. Sedin hatte nun das freie Tor vor sich, doch der deutsche Verteidiger setzte postwendend nach und entschärfte die Situation.

Die vergangenen Partien haben gezeigt, dass es Team Europa nicht an Kampfgeist mangelt und dass jeder Spieler bereit ist an seine Grenzen zu gehen, bereit ist eigene Fehler wieder auszubügeln und Bereitschaft zeigt sich für jeden Mitspieler einzusetzen. Die Nationalität, eine eigene Fahne oder Hymne ist dabei nebensächlich.

Team Europa darf schon jetzt stolz sein, stolz auf das von ihnen Geleistete.

Das erste Finalspiel findet am Dienstag um 8:00 p.m. ET (ESPN), Mi. 2:00 Uhr MESZ, statt und wird in Deutschland live auf Sport1 übertragen.

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