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WCH Schlagzeilen

Der FC Bayern des Eishockeys

Team Kanada dominiert die Eishockeywelt, wie man es sonst nur von einem bayerischen Fußballclub kennt

von Marc Rösch / NHL.com/de Autor

"I got you Babe" hätte es am Freitagmorgen aus den Weckern um den Globus hallen müssen. Sonny und Cher hätten die passende Melodie für den Start in das Wochenende parat gehabt. Auch die Organisatoren des World Cup of Hockey hätten humorvoll auf ein Einspielen der kanadischen Nationalhymne verzichten und den Filmhit aus "Täglich grüßt das Murmeltier" ertönen lassen können. Bill Murray hätte uns kneifen dürfen. Hat dieses Team Kanada nun tatsächlich bereits das fünfte der letzten sechs Großereignisse im Eishockey gewonnen? Hat Kanada nun bereits neun Titel in 13 Turnieren auf höchstem Niveau nach Hause gebracht? Sind sie wirklich seit 16 Spielen in Folge ungeschlagen?

Einsam drehen die Kufencracks aus dem Mutterland des Sports ihre Runden auf dem Eishockeyolymp. Sie verkörpern eine Dominanz, die in der Sportwelt ihres gleichen sucht. Natürlich... man könnte Parallelen zum Rodelsport der Damen ziehen. Auch dort gibt es eine alles überstrahlende Nation. Doch möchte man Sidney Crosby tatsächlich mit Silke Kraushaar vergleichen? Ohne die Leistungen der deutschnationalen Eiskanalrennfahrerinnen schmälern zu wollen, muss man wohl einsehen, dass es in irdischen Gefilden keine weitere so medienwirksame Sportart gibt, die von einer einzigen Mannschaft so überstrahlt wird.

Wobei… Ohne den Bogen überspannen zu wohlen: Team Kanada ist der FC Bayern des Eishockeys. Punkt. Eigentlich würde sich an dieser Stelle jede weitere Ausführung erübrigen. Möchte man wirklich zum zigtausendsten Mal schreiben und lesen, wie überragend, weltklasse, unerreicht, galaktisch - diese Aufzählung lässt sich beliebig fortführen - der frischgebackene World Cup of Hockey 2016 Sieger ist? Oder möchte man stattdessen wirklich das Haar in der Suppe suchen? Waren die zwei Finalspiele gegen ein bis in die Haarspitzen motiviertes Team Europa nun ein Anzeichen für ein bröckeln der kanadischen Vorherrschaft? Sahen Kritiker nicht zeitweise einen taumelnden Favoriten? Stapfte der Klassenprimus über weite Strecken der Finalspiele nicht über das Eis wie ein alternder Muhammad Ali gegen Larry Holmes? War Team Europa bereit für den entscheidenden Nackenschlag in der zehnten Runde?

Nein sie waren es nicht. Die Art und Weise, wie sich Team Kanada in eben diesen Finalspielen durchgesetzt hat, ist eine Demonstration von bisher unerreichter Stärke. An dieser Stelle sei höflichst um die Erlaubnis zu einem Vergleich mit der beliebten Ballsportart gebeten. Auch der bajuwarische Vorzeigeclub rannte abundzu einem Rückstand hinterher; wenn zum Beispiel mal wieder der Torhüter eines Wacker Burghausens im DFB-Pokal über sich hinauswuchs. Doch Miro Klose, Carsten Jancker, Philipp Lahm und Konsorten waren sich ihrer Sache sicher. Sie werden, wenn nötig in der Nachspielzeit, die Partie drehen. Die Herren Rumenigge und Hoeneß zittern nicht. Auch wenn ihre Schützlinge nach 88 Minuten immer noch nicht führen, bleiben ihnen Schampus und Häppchen in der Erdinger-Lounge nicht im Halse stecken. Denn, das zeichnet eine Meistermannschaft eben aus, auch vermeintlich schwache Spiele werden gewonnen. Und das wissen die Verantwortlichen.

Video: CAN@EUR, Sp2: Price vereitelt Rieders Unterzahlchance

Eine eben solche Vorstellung durfte die Eishockeywelt in den Nächten von Dienstag auf Mittwoch und Donnerstag auf Freitag bestaunen. Europa wackelte am Thron. Es rannte auf das von einem hervorragend aufgelegten Carey Price bewachte Tor an. Es brachte die kanadische Abwehr ein ums andere Mal in Verlegenheit und den kanadischen Sturm schier zur Verzweiflung. Team Europa verkörperte alles, was ein David im Kampf gegen Goliath verkörpern muss. Team Europa war das gallische Dorf, das sich mit allen Mitteln gegen die schiere Übermacht aus Aquarium, Babaorum, Laudanum und Kleinbonum wehrte. Team Europa war, wenn man es mit Gottfried Wilhelm Leibnitz halten möchte, der beste aller möglichen Gegner.

Doch der beste Gegner ist eben nicht gut genug für dieses Team Kanada. Und so müssen sich die Freunde des Kufensports weiter gedulden, bis es jemand schafft, dem FC Bayern des Eishockeys ein Bein zu stellen. Doch auch wenn das passieren sollte. Im Land der Tannen, Ahornbäumen, Grizzlys und Elche wird sich niemand lange schmerzverzerrt am Boden krümmen. Die Wunden sind schnell geleckt und die kanadische Phalanx wird so schnell niemand durchbrechen. Und, das sei mit allem höchsten Respekt für die kanadische Eishockeynationalmannschaft, für das kanadische Eishockeynachwuchsprogramm, für die kanadische Juniorenligenstruktur, für das kanadische Team hinter dem Team und für die eishockeyverrückte kanadische Bevölkerung gesagt: Chapeau!

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